KAPSELN – Part I


von Barbara Balba Weber

Die Compagnie befragt Normalität und den Umgang damit. Ausgangspunkt sind Robert Schumanns Geister-Variationen. In sieben musikalischen „Kapseln“ greift Barbara Balba Webers Komposition dieses Thema auf. Gespielt und (live-)elektronisch transformiert wird diese Musik auf einem Flohmarkt-Instrumentarium, mit dem die verbrauchten, abgenutzten Instrumente und Klänge am Leben erhalten werden. Auf der Suche nach Normalität, erschöpfen wir uns und pfeifen aus dem letzten Loch. Ein Ich gerät, unter dem Wertmaßstab gängiger Lebensanforderungen, in Krisen und tappt in Fallen, aus dem es nach einen Ausweg sucht. Um Instabilitäten auszugleichen und Bewusstseinszustände zu regulieren, wird der Griff nach dem chemischen Wirkstoff zum gängigen Überlebensprinzip. Der tägliche Konsum von Wirkstoffen lässt uns nach Mustern und Rändern dessen fragen, was wir als Normalität begreifen und empfinden. Ist Normalität eigentlich ein Fluch? Oder ein Segen? Bietet sie Sicherheit und Geborgenheit? Oder krümmt sie das Rückgrat und den Lebensnerv?

Idee, Komposition, Text, Performance: Barbara Balba Weber
Perkussion: Pascal Viglino
Live-Elektronik, Tontechnik, Laborleitung: Jonas Fehr (HKB Bern)
Mitarbeit Live-Elektronik: Tobias Reber
Szenische Mitarbeit: Till Wyler von Ballmoos
Licht, Laborleitung: Mirjam Berger
Dramaturgie, Off-Stimme: Steffen Neupert

Interview DRS2 mp3          Clips        Presse       Fotos      


“Anormaliät“. Warum ist dieses Wort in unserer Sprache nicht vorgesehen – noch irgend ein anderes, das ihm gleichkommt -, obgleich Bände und Bände von wissenschaftlichen Werken darauf verwendet wurden, die Wirklichkeit zu umschreiben, die dahinter steht? Die Geschichte der abendländischen Medizin und Wissenschaft ist eine Geschichte der Konstitution von Normen und Normaliät – Normaliät des Körpers, der Natur, der Geschlechter. Aber die „Anormalität“, die Unordnung als solche, hat sie namenlos belassen. Sie kennt nur (…) „Abnormes“ und „Anomalien“, einzelne Abweichungen, die „Pannen“ der Maschine gleichsam, die es schleunigst einzukreisen, zu reparieren, notfalls auszugrenzen gilt. Die „Anormalität“ hingegen als solche darf es nicht geben. Denn gäbe es sie, so gäbe es keine Normalität, es würde ihr die Allgemeingültigkeit  - eben die „Norm“ streitig gemacht. Aber da es die „Anormalität“ nicht gibt – kann es da überhaupt eine allgemeingültige Normalität geben?...

(zitiert aus: Christina von Braun, Nicht-Ich, Verlag Neue Kritik, 1994)